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Die Herzogs aus Übersee

Zufall der besonderen Art.

Zu Weihnachten waren wir zu Hause geblieben. Das war auch gut so. Die Wetterlage war schlecht, um ne weitere Strecke zurückzulegen und stressig ist es zudem. Zu Silvester sollte es eh in die alte Heimat gehen. Am 30. Dezember ging daher die Reise los und begann mit dem Besuch meines Patenonkels, den ich lange nicht mehr gesehen habe. Ein wirklich überfälliger Besuch! Am frühen Abend ging es weiter Richtung Elternhaus.

Tja, und was macht man, wenn man bei den Eltern auf dem Sofa sitzt? Man wird fein umtüddelt, bekommt lecker Essen und erzählt sich was. Dieses und jenes und so. Irgendwann hatten wir die nähere Verwandtschaft und Bekanntschaft so ziemlich durchgekaut und waren mit dem neuesten Tratsch versorgt worden. Dann rief Christel bei meinen Eltern an. Eine treue Seele in Übersee. Wenn mich nicht alles täuscht, müsste sie eine Stiefcousine meiner Mutter sein, falls es das gibt. Ist ja auch egal.

Gesehen habe ich sie erst einmal. Glaube ich. Das muss so etwa 30 Jahre her sein. Wir wohnten damals noch im alten Haus meiner Eltern. Sie war mit ihren beiden Kindern aus Kanada nach Deutschland, ihre alte Heimat, gekommen. Ich als Dreikäsehoch, der im Gegensatz zu meinen beiden älteren Brüdern noch kein Englisch in der Schule hatte, hab mir fröhlich etwas ausgedacht, was sich englisch anhören könnte. Tyson und Ariane (ich hoffe, ich hab die Namen richtig erinnert) haben aber nichts verstanden. Glaube ich. Egal. Wir hatten trotzdem unseren Spaß und spielten wie die Irren auf dem Dachboden. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen. Die Kinder sind etwa in meinem Alter.

Meine Eltern und sie schreiben sich. Ich weiß nicht, ob regelmäßig, aber so ab und zu halt. Zu Weihnachten gibt es auch mal ein kleines Geschenk. Und das ist in diesem Jahr irgendwo hängen geblieben. Ich muss mal fragen, ob es inzwischen angekommen ist.

Im Laufe des Abends kamen wir auch auf Fred zu sprechen, Christels Mann. Ihn habe ich leider noch nie kennengelernt. Ich weiß nur, dass er Fotograf ist. Wie jemand halt Fotograf ist. Ich hatte so recht keine Vorstellung davon und hab auch nicht weiter darüber nachgedacht, was er so machen könnte. Meine Mutter hatte mir schon vor längerer Zeit einen Katalog mit Fotos von ihm gezeigt. Da waren schon super Aufnahmen drin. Allerdings habe ich mich zu der Zeit nicht so sehr für Fotografie interessiert, so dass ich das seinerzeit nicht recht zu würdigen wusste. Nun hat sie mir den Katalog mitgegeben. Toll! Beim Durchblättern hat es irgendwie in meinem Kopf „klick“ gemacht. Ich hatte einen sehr intensiven Zugang zu seinen Fotos.

Ich weiß gar nicht, wie ich darauf gekommen bin. Ich glaube, wir haben nach einer Kontaktadresse gesucht. Jedenfalls hatte ich plötzlich den Namen „Fred Herzog“ in mein iPhone getippt und an Google geschickt, und bekam prompt einige Suchtreffer, u. a. mit einem Wiki-Link. Ups! Wohl die erste Person, die ich nicht über Medien wie Fernsehen kenne, die ne Wiki-Seite hat.

Tja, und etwas weiter unten traf mich in den Google-Treffern dann beinahe der Schlag:

Ausstellung im c/o Berlin

Fred Herzog . Photographs
Retrospektive
6. November 2010 bis 9. Januar 2011

Das Leben ist farbig, schwarz-weiß aber realistischer – lange galt Farbfotografie als nicht besonders wertvoll. Einzig und allein Schwarzweißbilder waren in der Kunst unumstritten. Künstlerische Farbfotografie war banal und amateurhaft, ein Medium des Kommerz und Dilettantismus. Solche Bilder wirken seltsam vertraut und spielen so mit der Bewertung des Betrachters, der kaum zu sagen vermag, ob er sie schon einmal im Familienalbum oder in einem Museum gesehen hat. Sind dies wirklich nur die Schnappschüsse oder das Werk eines Künstlers? Enstehen die intensiven Farben aufgrund der schlechten Filmqualität oder sind sie Absicht?

Anfang der 1950er Jahre beginnt Fred Herzog diese etablierten Sehgewohnheiten und Lehrmeinungen zu revolutionieren.

Ne Ausstellung! In Deutschland! In Berlin! Bis zum 9. Januar! Da musste ich hin. Aber mich packte auch der Ehrgeiz. Ich wollte der Familie Herzog irgendwie eine Freude machen und die Ausstellung in Szene setzen. Dass man im alten Postfuhramt, wo c/o Berlin derzeit noch residiert, nicht fotografieren darf, war mir von der Lindbergh-Ausstellung wohl bekannt. Auch damals hab ich nur mit dem Kopf geschüttelt.

Also nahm ich Kontakt mit c/o Berlin auf und hab meine ganze herzzerreißende Geschichte ausgepackt. Keine Chance: Man habe die Ausstellung bereits für Fred Herzog und seine Familie dokumentiert. Dass ich nicht dokumentieren, sondern in Szene setzen will, zu mal ich eine persönliche Beziehung zur Familie Herzog hab, zählte nicht. Die persönliche Message war den Veranstaltern egal. Keine Ausnahme.

Ich verstehe sowas nicht. Klar, so ne Story kann sich vielleicht jeden Tag einer ausdenken. Aber wer kommt schon auf die Idee, damit zu fragen, ob man in einer Fotoausstellung fotografieren darf? Wo sich für mich immer die Frage eröffnet: Was wollen die ausstellen, wenn man den ausstellenden Fotografen auch das Fotografieren verboten hätte? Warum hat man als Gesellschaft oder Firma, die vermeintlich Kunst fördern und zugänglich machen will, kein Interesse, Kunst (vielleicht wären mir ein paar schöne Fotos gelungen) erschaffen zu lassen? Geht es vielleicht doch nur um das, was am Abend in die Kasse geklingelt ist? Sei’s drum. Ich hatte noch versucht, in meiner Funktion als Pressevertreter Zugang zu bekommen. Dann hätte ich auch fotografieren dürfen, aber nur bei der Eröffnungs-Vernissage, die ich ja nun mal verpasst hatte.

PostfuhramtNun, ich habe mir die Ausstellung angesehen und bin lange vor den einzelnen Bildern stehen geblieben. Ich hab auch einfach im Raum gestanden und den Leuten zugesehen, wie sie sich die Bilder angucken. Ich war beeindruckt! Rund 50 Jahre alte Farbfotos (eigentlich Dias, nun als Scan hochwertig gedruckt) hingen da vor mir. Nichts da mit hochempfindlichen Bildsensoren, sondern ISO-Zahlen im zweistelligen Bereich! Als Nerd habe ich natürlich gleich die verwendeten Kameratypen wie Kodak Retina und Leica M3 aufgesogen und mich an meine unbedeutende Nassfilmzeit rückerinnert, wie gut man sich überlegt hat, den Auslöser zu betätigen. Nichts da mit einfach mal draufhalten, wie man es heute mit der Digitalknipse macht. Auch die Farben haben mich beeindruckt. Mag komisch klingen, aber die Schwarzweißfotografie hatte für mich immer den Beigeschmack, sophisticated zu sein. Das war halt was für die Profis. Ich als Techniker hab aber nie verstanden, warum man nicht spätestens farbig fotografierte, als es Farbfilme gab. Noch eigenartiger finde ich den Gedanken, erst farbige Fotos aufzunehmen und ihnen dann die Farbe zu entziehen. Dennoch ertappe ich mich immer mal wieder dabei, dass ich meine, ich müsste einigen meiner Fotos auch die Farbe entziehen, damit sie künstlerischer aussehen. Stimmt auf den ersten Blick auch. Aber irgendwie geht dadurch die Identität, dass es mein Foto ist, das ich mir ansehe, verloren. Für mich wird es dann beliebig.

Postfuhramt

Mit meinem iPhone hab ich noch aus der Hüfte ein paar „Fotos“ geschossen. Natürlich ist dabei nur echter Schrott heraus gekommen. Ich habe viel meinen Gedanken nachgehangen, was ich über Christel und ihre Familie eigentlich weiß. Mir kamen Erinnerungen an Erzählungen über ihre Reisen nach Afrika. Und siehe da: Ich bin sogar auf eine Quelle gestoßen, wo wohl vor kurzem eine Ausstellung genau darüber stattgefunden hat. Ich erinnere mich, dass meine Mutter mir von Christels Reisen erzählte. In der Familie war man wohl nicht immer begeistert und das ein oder andere Mal ist sie auch mit Krankheiten im Gepäck zurückgekommen. Ich war immer stark beeindruckt, wohl auch deswegen, weil ich mich nicht unbedingt als reiselustig bezeichnen würde. Wenn man es dann wagt, als allein reisende Frau durch Afrika zu ziehen, hinterlässt das schon Eindruck!

Ich las Fred’s Biografie und konnte mich immerhin an ein paar Kleinigkeiten erinnern, die meine Mutter mal erwähnt hatte. Aber rational gesehen war es natürlich die Vita eines mir unbekannten Mannes. Das hatte in dem Moment aber keine Bedeutung. Ich war innerlich ergriffen. Ich freue mich, dass meine Recherche noch ein Bild der beiden zutage gefördert hat. Vielleicht vereinfacht es das Erkennen, sollten wir es schaffen, einen ohnehin schon länger schmorenden Plan umzusetzen und nach Kanada zu reisen.

 

Nachtrag:

Kürzlich erfuhr ich, dass Christel Herzog Anfang 2013 verstorben ist. Mein Beileid allen Angehörigen und Freunden.

 

Published by Markus Winninghoff on Januar 9th, 2011 at 8:49 pm. Filled under: Persönlich2 Comments

2 Responses to “Die Herzogs aus Übersee”

  1. Moinsen Markus,
    das ist ja eine schöne Geschichte (und ein schönes Portrait der beiden).

    Martin

    Kommentar by Maddin on 13. Januar 2011 at 10:01



  2. […] angetan, wo doch mein fotografisches Vorbild (sofern man davon sprechen kann, dass ich eines habe), Fred Herzog, seine ersten fotografischen Schritte auch mit einer Kodak Retina getan hat. Sie stammt aus dem […]

    Pingback by willsagen.de » Blog Archiv » Kodak Retina IIc wiederbelebt on 11. März 2012 at 19:40



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